Danke Felix Nmecha
Nmecha hat mehr für den christlichen Glauben getan als die letzten Kirchentage der EKD
Von Ulf Poschardt
Herausgeber WELT, „Politico“ und „Business Insider“
Berührende Geste bei der Fußball-WM: Während auf Kirchentagen eine kartoffelweiße Theologie der Woken verehrt wird, bekennt sich ein Nationalspieler mit migrantischen Wurzeln zur Botschaft des Christentums.
Manchmal ist die Ironie der Geschichte so beißend, dass sie wie eine groteske Karikatur daherkommt. Am Sonntagabend war es nach dem WM-Eröffnungsspiel der Deutschen ausgerechnet – möchten einige sagen – oder logischerweise, müssten andere sagen – der Nationalspieler (mit nigerianischem Vater) und überragende Torschütze Felix Nmecha, der nach dem 7:1-Triumph gegen Curaçao nicht jubelnd in der Fankurve stand, sondern die Besiegten einsammelte, um mit ihnen im Mittelkreis gemeinsam zu beten.
Diese neutestamentarische Liebe zum Gegner und zum Besiegten schuf eindrucksvolle Bilder, und es ist mehr als bezeichnend, dass ein zweiter schwarzer Nationalspieler, nämlich Jonathan Tah, die kleine Runde ergänzte. „Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen“, heißt es im Matthäus-Evangelium, „da bin ich mitten unter ihnen.“
Während auf evangelischen und katholischen Kirchentagen eine arrogante Theologie der Woken verehrt wird und sich die meisten Normalbürger vorkommen, als müssten sie einem Zirkus wildgewordener Identitätspolitik zusehen, hat der Fußballnationalspieler, kein Akademiker, gezeigt, was die eigentliche Botschaft des Christentums ist: Nächstenliebe – und das Gebet als Akt der Liebe. Für Dietrich Bonhoeffer galt: „Beten ist Atemholen aus Gott; beten heißt, sich Gott anvertrauen.“
Diese einfachen Wahrheiten sind in der Bullshittisierung der Theologie in den vergangenen 20 Jahren verloren gegangen. Christlicher Glaube ist in seiner Vermittlung – sei es im „Wort zum Sonntag“ oder in irgendwelchen Radiopredigten, in denen linksradikale Terroristen als Nachfolger Jesu verklärt werden – vollkommen absurd geworden. Noch schlimmer als die Linksradikalisierung des Christentums ist die Verleugnung der christlichen Wurzeln. Die Abschaffung der Weihnachtsmärkte und Adventskränze zugunsten steriler säkularer Traditionen, die es gar nicht gibt, gehört dazu.
Aus Angst, den bösartigen und kaputten Islamismus, weitgehend zugewandert, zu provozieren, werden christliche Feste abgesagt oder zur Unkenntlichkeit kostümiert. In Schulen mit hohem muslimischen Migrationsanteil ist das Schikanieren von Christen unter dem Schlagwort „Schweinefleischesser“ oder „Ungläubige“ auf dem Vormarsch.
Auch hier läuft dieses stolze Zeugnis eines Christen gegen den Zeitgeist – oder aber es verkörpert einen neuen Zeitgeist, der nicht mehr von kartoffelweißen Deutschen repräsentiert wird, sondern von jenen migrantischen Milieus, die oft viel besser wissen, wie sehr die liberale Gesellschaft aus der christlichen Tradition gespeist ist, als jene gebückten Bürger, die sich vor diesen Gewissheiten verstecken.
Die aufziehenden Kulturkämpfe werden auch eine religiöse Grundierung haben, und man kann froh sein, dass es Leute wie Nmecha gibt, die keine Angst davor haben, sich stolz als Christen zu präsentieren. Es ist bezeichnend, dass es in größeren Runden von WM-Fußballguckern vor allem die Deutschen mit Migrationshintergrund sind, die die Hymne laut mitsingen und im Nationaltrikot auflaufen.
Das Scheitern der Integration in Deutschland ist auch das Ergebnis einer antipatriotischen Verklemmtheit und Neurotisierung der Liebe zum Land. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat schon wieder Sendungen dazu gemacht, wie gefährlich eine schwarz-rot-goldene Fahne sein soll, ohne die Geschichte dieser Fahne überhaupt zu kennen. Damit muss Schluss sein. Die Moralprediger einer verlorenen, untergegangenen Welt sollten endlich die Klappe halten.
Danke, lieber Felix Nmecha!
